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Glauben in Zeiten von Corona

04.06.2020 | Eine theologische Betrachtung von Gerhard Sabrowski, Pastor in Schönberg.

Ist die Corona-Pandemie eine Strafe Gottes? Das wird in frommen Kreisen durchaus diskutiert. Eher liberal eingestellte Menschen tun diese Frage als „überholt“ ab. Trotzdem sollte man sie ernst nehmen und auf sie eingehen.

 

Seit Mitte März 2020 hat das neuartige Corona-Virus SARS-CoV-2 das Leben in Deutschland fest im Griff. Ein Shutdown bestimmt mittlerweile das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben. Wir halten Abstand voneinander. Senioreneinrichtungen befinden sich mittlerweile in Quarantäne.

Das Virus ist in der chinesischen Stadt Wuhan auf einem Markt, auf dem auch wildlebende Tiere lebendig und geschlachtet verkauft wurden, auf den Menschen übergesprungen. In Verdacht stehen das äußerst seltene Pangolin, ein Säugetier mit Schuppen, und Fledermäuse, deren Fleisch dort von Menschen gegessen wird. Fledermäuse sind in all ihren Arten durch ihr dichtes Zusammenleben und Schlafverhalten Träger vieler Virusarten. Sie selbst sind durch ein überaus starkes Immunsystem weitgehend geschützt. Von ihnen ist über das in Wuhan ungekühlt verkaufte Fledermaus-Fleisch auf den Menschen übergesprungen und hat durch Mutation eine hohe Ansteckungskraft erreicht.

Ein Virus wie das Ebola-Virus, das zuerst 1976 im Kongo eine verheerende Epidemie ausgelöst hat, tötet seine Opfer schnell und verbreitet sich – so zynisch es klingen mag – dadurch langsamer. Ehe es sich in ausreichendem Maß vermehrt hat und auf andere Menschen überspringen kann, ist sein Opfer schon tot. Das hat zur Folge, dass Ebola- Epidemien schnell aufflammen, dann aber regional begrenzt bleiben und relativ schnell einzudämmen sind.

Das SARS-CoV-2 ist „schlauer". Durch seine lange Inkubationszeit von fast 14 Tagen und durch seine zunächst unspezifische Symptome bemerken Infizierte die Infektion nicht, und es kommt zu einer breiten Streuung des Virus mit vielen Intensivpatienten und Toten vor allem bei älteren, bei vorgeschädigten und bei immunschwachen Menschen. So kam es bis Ende März zu einer weltweiten Pandemie. Nur Nordkorea leugnete am 31. März noch, dass es befallen sei.

Ein Einfluss auf die Schwere der Erkrankung scheint auch zu haben, wie tief man die Viren eingeatmet hat. Geraten sie in die Lunge, schädigen sie die Lungenbläschen nachhaltig. Sie können keinen Sauerstoff mehr aufnehmen. Der Patient wird beatmungspflichtig und ist in akuter Lebensgefahr und zudem noch extrem ansteckend.

Das Immunsystem des Menschen, wenn es denn dazu in der Lage ist, bildet Antikörper gegen das Virus und ist nach der Genesung von der Krankheit erst einmal für eine bestimmte, aber noch nicht bekannte Zeit immun, sofern sich das Virus nicht genetisch verändert. Bei 70 Prozent Durchseuchung einer Population würde das Virus nicht mehr genug Opfer finden, um sich zu vermehren. Die Epidemie liefe sich tot, könnte aber natürlich woanders jederzeit wieder aufflammen. Entscheidend ist, dass ein wirksamer Impfstoff gefunden wird, der leicht und in großen Mengen zu produzieren ist. Mit so einem Impfstoff wäre das Virus wohl ersteinmal besiegt. Allerdings könnten genetisch veränderte Abkömmlinge des Virus später eine ähnliche Epidemie auslösen, sofern nicht die in der ersten Epidemie gebildeten Antikörper oder ein rechtzeitig gefundener Impfstoff das verhindern.


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Da dieses Virus mittlerweile um die Welt geht und sehr viele Todesopfer fordert, wird in frommen Kreisen diskutiert, ob es sich um eine Strafe Gottes handelt: ähnlich der Sintflut in der Urgeschichte der Bibel (1. Mose 6-8), die bekanntlich ebenfalls die ganze Welt traf; ähnlich aber auch den giftigen Schlagen in der Wüste, die die Israeliten totbissen, bis Mose eine eherne Schlange als Heilszeichen aufrichtete ( 4. Mose 21, 4-9; vgl. Johannes 3, 14). Während man bei der Sintflutgeschichte den Vergleich zu einer Pandemie (alle betreffend) ziehen könnte, wäre 4. Mose 21 an eine Epidemie (ein Volk betreffend) zu denken.


Ist also das SARS-CoV-2 eine Strafe Gottes?


Liberale Theologen der westlichen Welt würden das vielleicht bestreiten. Mediziner und Naturwissenschaftler machen uns ja klar, dass es sich um ein Virus handelt; dass alles nach den Naturgesetzen und damit erwartbar abläuft und dass wir nur das Richtige tun müssen, um der Seuche Herr zu werden (soziale Distanzierung, Suchen nach einem Medikament und Entwickeln eines Impfstoffes und vieles mehr).


Konservative Theologen, etwa in sog. Freikirchen, aber auch im Bereich der orthodoxen Kirchen und der weit früheren ägyptischen, äthiopischen oder syrisch-orthodoxen Kirchen – konservative Theologen könnten das SARS-CoV-2 und die gegenwärtige Pandemie dagegen schon als eine Strafe Gottes deuten: Die Menschheit habe sich in einem großen Maße von Gott abgewandt, und nun treffe sie die gerechte Strafe Gottes. Beten und sich wieder Gott zuwenden, das würde jetzt helfen.


Das ist in gewisser Weise die Theologie des Ersten Testaments, zum Beispiel auch der oben erwähnten Stelle 4. Mose 21, 4-9 (die giftigen Schlangen und die eherne Schlange), aber das ist nicht die Theologie Jesu Christi, jedenfalls, wie ich sie verstehe. Jesus lehrt den liebenden Vater. Jesus lehrt die Vergebung der Schuld, zum Beispiel in dem Gleichnis von dem verlorenen Sohn (Lukas 15, 11-24). Er ruft zur Buße, zur Umkehr auf, eben weil wir uns nicht zu einem strafenden, sondern zu dem liebenden Gott zurückwenden sollen.


Trotzdem ist das Virus natürlich auch eine theologische Herausforderung. Wie kann Gott so ein Virus und das damit verbundene Leid zulassen?


Wenn wir so reden, dann lässt Gott viel Leid zu. Er lässt zu, dass die Menschen im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos leiden und sich die Europäer nicht auf eine Aufnahme der Geflüchteten einigen können. Er lässt zu, dass große Heuschreckenschwärme nach Ostafrika einfallen und den Menschen ihre spärliche Ernte wegfressen. Auf der Skala der menschlichen Leiden dürfen wir uns in Deutschland zurzeit nicht beschweren. Wir haben ein gutes Gesundheitssystem. Andere Menschen leiden weit mehr.


Ich persönlich glaube nicht an einen Gott, der jederzeit aktiv ins Naturgeschehen eingreift. Gott kommt nicht wie „Superman" angeflogen und gebietet allem Übel Einhalt. Ich glaube, dass Gott ganz anders eingreift, und da muss ich bei der Schöpfungsgeschichte einsetzen.

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„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde", das sind die ersten Worte der Bibel (1. Mose 1,1). In der dann folgenden Schöpfungsgeschichte schafft Gott die Erde und die Welt nicht aus dem Nichts, sondern indem er das Chaos, das „Tohuwabohu", wie es auf Hebräisch heißt, ordnet. Aus Chaos wird Kosmos (Welt, Ordnung), und in dieser geordneten Welt können wir Menschen in Frieden leben. Das ist die Vorstellung des ersten Schöpfungsberichtes. Der Himmel, der sich so weit über uns wölbt, hält das Chaos draußen. In dieser Welt ist alles in Ordnung. Nur der Mensch, der bricht diese Ordnung, indem er im Paradies vom Baum der Erkenntnis isst (1. Mose 3) und von da an immer wieder aus dem Ruder läuft. Kain bringt
seinen Bruder Abel um (1. Mose 4), und schon bald ist die Welt so schlecht, so chaotisch, dass Gott die Brunnen der Tiefe und Schleusen des Himmels öffnet und die Sintflut auslöst (1. Mose 7, 11): Das verdrängte Chaoswasser kommt zurück und nichtet die Schöpfung. Die Welt muss noch einmal beginnen. Über diese seine Maßnahme aber ist Gott so erschrocken, dass er seinen Regenbogen an den Himmel setzt und verspricht, so etwas nie wieder zu tun (1. Mose 9, 13-15), und zwar mit den Worten: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." (1. Mose 8, 22)

Nach der Sintflut greift Gott also nicht noch einmal in die Schöpfung ein wie ein Theatergott. Alles, was er tut, bewegt sich von nun an innerhalb der Schöpfung und damit auch innerhalb der Naturgesetze, die ja mit der Schöpfung gesetzt sind.

Und so kann ich das neuartige Corona-Virus zunächst schon als eine Strafe Gottes betrachten, aber nicht im Sinne konservativer Theologien, sondern im Sinne der Naturgesetze.

Wenn Menschen zu dicht aufeinander leben, wenn Menschen Wildtiere zu dicht an sich heranlassen, dann lassen sie den Viren leichtes Spiel. Und genau das ist ja nicht zum ersten Mal passiert. In den Pestepidemien des Mittelalters hatten die Menschen noch keine Ahnung von Bakterien und Viren. Heute dagegen schon.

Eine Ursache für die jetzige Pandemie ist die große Zahl von über 7,5 Mrd Menschen auf unserem Erdball. Das führt zu Verschmutzung des Wassers, zu Seuchen und manchmal eben auch zu solchen Pandemien.

Eine andere Ursache für die schnelle Ausbreitung ist die wirtschaftliche Globalisierung. In einer hochentwickelten Volkswirtschaft wie der deutschen wird keine Schutzkleidung produziert. Viele Wirkstoffe für Medikamente kommen nur noch aus Indien und China.

Eine weitere Ursache ist, dass wir zu viel Fleisch essen und die Lebensräume der Wildtiere immer mehr einengen. Von manchen Wildtieren wie Fledermäusen, die viele Viren in sich tragen, sollte man überall auf dem Globus die Finger lassen. Mit Wildtieren sollten Menschen nicht zusammenleben, um sich nicht ihren spezifischen Viren auszusetzen. Eine vernünftige, und das heißt: eine maßvolle Lebensweise würde vielen Krankheiten entgegenwirken: vom Diabetes bis zur Adipositas, von der Sucht bis zum Burnout.

Ich würde also das neuartige Corona-Virus SARS-CoV-2 letztendlich nicht mehr als Strafe Gottes bezeichnen wollen, wohl aber als ein Warnzeichen: als einen Hinweis darauf, dass die Menschheit ein kritisches Stadium erreicht hat. Wir können nicht mehr so weitermachen wie bisher. Das zeigen auch die mittlerweile vergessenen Waldbrände Australiens. Die Klima- Aktivisten um und neben Greta Thunberg haben das erkannt, und diese Erkenntnis wird sich jetzt auch auf der Ebene der Gesundheit durchsetzen.

Ich als religiöser Mensch, ich als Christ würde das Virus deshalb als ein Warnzeichen Gottes verstehen, aber nicht als die Strafe eines rachsüchtigen Gottes, sondern eben als ein Warnzeichen für die Menschheit. Gott will nicht die vielen Opfer, die das Virus jetzt hervorruft. Ganz bestimmt nicht. Aber als Warnung Gottes würde ich es schon verstehen, als Warnung vor unserem allzu großen Ausdehnungsdrang, als Warnung vor unserer allzu genussorientierten Lebensweise.

In anderen Zusammenhängen warnt uns Gott ja auch, jedenfalls würde ich es so interpretieren.

Ich selbst bin Windsurfer und fahre mit Surfbrett und Segel oft weit hinaus auf die Ostsee. Das Warnzeichen, das Gott mir zuweilen gibt, ist meine Angst. Wenn die Wellen zu hoch werden und die Angst in mir aufsteigt, dann fahre ich die Wende und zum Strand zurück. Ich höre auf meine Angst. Sie ist mir ein Warnzeichen Gottes.

Auch die Menschheit muss allmählich in ihrer Lebensweise eine Wende vollziehen. Das scheint mir offensichtlich. Ich hoffe, dass nach der Krise nicht nur das Gesundheitswesen besser ausgestattet wird, sondern auch ein Umdenken in Bezug auf das Klima, auf unsere Ernährung, auf unsere ganze Lebensweise stattfindet.


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